Hintergrund und Entstehung

Was ist die Seelenschanze? 

Grundsätze, Methodik, Geschichte

Hier folgen jetzt erstmal längere Texte.

Wenn Sie sich für die Hintergründe interessieren, können Sie sich hier einlesen. Ansonsten werden Sie in den Modulbeschreibungen ausreichend Informationen finden.
Oder Sie springen einfach nur in einzelne Abschnitte.

Hintergrund und Entstehung 

Seit mehr als 30 Jahren begleiten psychosoziale Träger in Hamburg Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie bieten ein vielseitiges ambulantes Hilfsangebot, das immer zum Ziel hat, die jeweilige Lebenssituation der Hilfesuchenden zu stabilisieren, ihre Selbstbestimmung zu stärken und ihre Genesung zu fördern. An der Planung und Gestaltung der Hilfemaßnahmen sind die Nutzer:innen aktiv beteiligt. Dabei stehen die persönlichen Interessen, Ziele und Möglichkeiten der Menschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Seit vielen Jahren wird das Angebote der face-to-face-Arbeit durch verschiedenste Gruppen ergänzt. Gerade in den letzten Jahren wurde hier stark ausgebaut und es kamen auch psycho-edukative Gruppen hinzu, die die Einzelarbeit nicht nur ergänzen, sondern auch entlasten, fortführen oder auch vorbereiten.

In der Psycho-Edukation wird systematisch und strukturiert wissenschaftlich fundiertes Wissen und Gesundheitsinformationen zu psychischen Erkrankungen vermittelt. So die gängige Definition. Dies dient dem Verstehen des eigenen Verhaltens und Fühlens und soll helfen mit seinen psychischen Problemen besser zu Recht zu kommen, Verschlechterungen vorzubeugen und Lösungen und Auswege zu finden. Außerdem stärkt es die Selbstkompetenz und die Freiheit zur Wahl möglicher Wege und Therapien.

Nur wer sich auskennt, kann mitreden. Und wo ist mitreden wichtiger als dort, wo es um die eigene Gesundheit und die eigene Lebensgestaltung geht? Daher ist Psycho-Edukation als Umsetzung von Menschenrecht zu sehen, denn sie befähigt die Menschen ihr Recht auf Wahlfreiheit auszuüben und für ihre Würde einzustehen. Wenn ich anderen blind vertrauen muss, kann ich nicht mehr selbst entscheiden. 

Diese Freiheit wird nicht immer umsetzbar sein, abgesehen von Fällen, wo die Urteilsfähigkeit getrübt ist, sind manche Sachverhalte so komplex, dass der Laie sie gar nicht mehr voll durchblicken kann. Dennoch ist es die moralische Pflicht der Fachleute dem Kunden, Klienten oder Patienten und auch deren Angehörigen weitestmöglich das notwendige Wissen zu vermitteln und so zur Willensbildung und Entscheidungsfähigkeit beizutragen. Wo dies nicht möglich ist, muss diese Aufklärung als Vorarbeit das Vertrauen schaffen, das zumindest entschieden werden kann, sich vertrauensvoll in die Hände der Fachkraft zu begeben.

Des Weiteren kann niemand im Hilfesystem (Psychotherapeuten, Eigliederungshelfer, etc.) von außen an irgendeiner Schraube drehen, so dass sich Veränderung einstellt. Eingeschränkt ist das ggf. dem Psychiater mit Psychopharmaka möglich, aber eine Veränderung im Handeln, Fühlen und Bewerten, passiert immer im Betroffenen. Auch dazu befähigt das durch die Psycho-Edukation vermittelte Wissen.

Daher ist Psycho-Edukation von Menschen, die selbst oder deren Umfeld von psychischer Erkrankung betroffen oder bedroht sind, ungemein wichtig. Immer war dies daher schon essentieller Bestandteil der Arbeit von sozialpsychiatrischen Angeboten Die besonderen Möglichkeiten, die dies in der Gruppe zu tun bietet, haben wir erst in den letzten Jahren erschlossen, als wir aufgrund neuer gesetzlicher Vorgaben das Gruppenangebot erweitert und Teile der bisherigen Einzelarbeit in die Gruppenarbeit verlegt haben.

So haben wir das, was uns zunächst als gängelnde Auflage erschien, in eine Stärke unseres Portfolios und zu einem Vorteil für unsere Klienten gewandelt.

So entstand als eine  dieser Gruppen bei einer Zeit beim Träger „Op de Wisch e.V.“ die „SeelenSchanze – was uns stark macht und schützt – Gruppe zu Resilienz im Alltag“.

Hier können  die Teilnehmer ihre eigenen Verhaltensweisen reflektieren und erfahren, wie diese sich auswirken. Sie können neue kennenlernen und ausprobieren und auch hier erfahren, wie diese sich auswirken. Sie bekommen das Angebot von Perspektivwechseln und Horizonterweiterungen. Umfangreiche Werkzeuge können helfen selbst an sich zu arbeiten und zukünftige Fallen und Alltagskrisen besser zu meistern.

Wie ging es weiter? 

Der Erfolg der internen Gruppe sprach sich rum und es entstanden einige Kooperationen. Doch wurde das Konzept speziellen Zielgruppen angepasst.

Es wuchs ohnehin mit jedem Durchlauf, denn die Erfahrungen der Teilnehmenden und deren Erzählungen flossen immer wieder mit ein und erweiterten themen und Beispiele. Da wir die Teilnehmenden ebenso auch als Lehrende betrachten, sind immer wieder auch neue Übungen und Methoden dazu gekommen.

Die Rückmeldung der Teilnehmenden ließ uns immer achtsamer werden. Und auch so manche klar erscheinende Aussage der Literatur musste hinterfragt werden, da die Praxis und vor allem auch spezielle Zielgruppen sie nicht mehr als absolut richtig offenbarten.
Auch spezielle Zielgruppen, wie zum Beispiel ein Durchlauf speziell für Personen aus der queeren Community, brachten neue Themen hinzu. 

Verschiedene Kontexte brachten auch verschiedene Anforderungen an die Rahmenbedingungen. Natürlich war es auch in Corona schwieriger, das Ganze umzusetzen. 
Hier entstand aus der Not die Videoreihe: Resilienz in Zeiten von Corona
Zunächst als Notlösung entstanden, wurde daraus schließlich ein recht ansinniges Format, das einer Fortführung - auch ohne Pandemie-  tatsächlich mittlerweile wieder würdig wäre. (Ich verspreche, das wird nicht vergessen.)

2024 in Harburg entstand, gefördert aus Mitteln der Technikerkasse, das "Projekt SeelenStärkung-Wilsdorf". Bei dem eine ganze Reihe von Angeboten nach dem SeelenSchanze-Konzept zu Wege gebracht wurden.
So wurden wir u.a. konkret angefragt, ob wir nicht auch Akteure im Feld, besonders Ehrenamtliche, zum Beispiel Elternlotsen, für das Thema sensibilisieren können. Für die wäre aber ein halbjähriger Kurs einfach nicht praktikabel. 
Also dampfte ich die Inhalte des Trainings auf drei Stunden zusammen. In dem Resilienz-Trainings Konzept sind viele Elemente des Austausches und der Selbsterfahrung drin. Die wurden hier größtenteils gestrichen. Dennoch blieben praktische Übungen erhalten, die man gut weitergeben konnte und während des Kurses auch selber ausprobieren konnte. Hier ist also weiterhin Selbsterfahrung möglich. So entstand die Weiterbildung „Resilienz vermitteln“. 

Aufgrund der Zielgruppe im Stadtteil und um das Resilienztraining von den anderen Maßnahmen zu unterscheiden, entstand hier der Name "Fit for Shit" Für das große Training mit 14 Einheiten 

Bei anderen Trägern war es nicht möglich Kund:innen über einen Zeitraum von fast einem halben Jahr an das Resilienz-Training anzugliedern, da die Maßnahmen oft erheblich kürzer waren. So entstand hier der Kompromiss der "Einführung in die Resilienz", eine Mischung aus dem ursprünglichen Trainingskonzept und der Weiterbildung.

Mit dem "Café Semikolon" entstand ein Konzept eines trialogischen Beratungscafés. Da die Räumlichkeiten in Wilsdorf-Reeseberg vom Träger dann kurzfristig anders genutzt wurden, konnte dieses leider  nicht über die Startphase hinaus etabliert werden.

Wie versteht sich die SeelenSchanze?

Auf einer Schanze nimmt man Anlauf für einen Sprung. Schanze ist aber auch ein altes Wort für einen Befestigungsbau, eine (vorübergehende) Festung, ein Bollwerk. Beides ist gut für die verletzte Seele. Denn wie hießt es so schön in unserem ersten Flyer: "Mit der Seele (gr. psychè) ist das so eine Sache: Mal überrascht sie uns mit innerer Kraft oder Ruhe wenn es um uns turbulent wird; ein anderes Mal ist sie empfindlich und pflege-bedürftig und nimmt mehr von uns in Anspruch, als von den äußeren Umständen her notwendig."
In letzterem Fall wünschen wir uns doch eine Schanze als Schutz und eine Chance für die Zukunft zu lernen, wie wir unsere Störungsunanfälligkeit steigern können.

Seelische Widerstandskraft und die Unempfindlichkeit gegen Störungen von außen nennt man  R E S I L I E N Z.  Resilienz hilft uns, dass Dinge von uns abprallen. Mit ihr können wir uns verschanzen wenn es hart wird. Meist fällt uns bei anderen auf, wie gut sie scheinbar mit Belastungen umgehen können. Sie kommen uns wie Stehaufmännchen vor. Und wir fragen uns dann vielleicht: „ Was ist das Geheimnis? 

In der SeelenSchanze fragen wir einander, warum unser Gegenüber eine Situation meistern konnte. Gleichzeitig ist es ein Training mit klassischen Coaching-Tools.

Diese beiden Ansätze sind der Kern: die Teilnehmer:innen sind sowohl Lernende als auch Lehrende. Sie erkennen, dass sie Bereiche haben in denen sie selbst sehr gut aufgestellt sind. Das Gleiche gilt auch für die Gruppenleitung. Die sind nicht nur Lehrende, sondern auch Lernende, und zeigen, dass auch sie nicht perfekt sind und ihre Themen und Schwierigkeiten im Leben haben. Niemand in der Seelenschanze ist völlig stark und gesund und niemand ist völlig krank. Was heißt überhaupt gesund?

Das ist für viele in der (Sozial)Psychiatrie eine neue Erfahrung: Sich nicht nur als erkrankt zusehen und gesehen werden, sondern als Mensch, der wie alle sein Päckchen zu tragen hat.

Coaching ist eigentlich eine prozessorientierte Beratung psychisch stabiler Menschen bei der Interventionen, Modelle und Techniken angewandt werden, die ursprünglich aus der Psychotherapie stammen. In der SeelenSchanze arbeiten wir aber speziell auch mit Menschen die eine psychiatrische Diagnose haben. Wie geht das zusammen?

In der Therapie wird an den krankhaften Strukturen gearbeitet, das kennen die Menschen. Wir arbeiten, trotz Erkrankung, an den gesunden Strukturen. Ressourcen-Orientierung ist natürlich nichts was wir erfunden haben. Auch die salutogenetische Sichtweise, Gesundheit und Krankheit nicht als unverbunden Gegensätze, sondern als Kontinuum zusehen, dessen imaginäre Pole nie besetzt sind ist nicht neu. Aber dies mit Coaching speziell für psychisch Kranke zu verbinden, dürfte nur wenige weitere Beispiele finden.

Diese Erfahrung auch als „kranker Mensch“ genauso wie jemand ohne Diagnose an Probleme heranzugehen, ist an sich schon eine stärkende und für viele heilsame Erfahrung. Viele Psychiatrie-Erfahrene kennen, das man die Diagnose als Identität annimmt und zugeschrieben bekommt. Bei der SeelenSchanze achten wir darauf, den Menschen als Person zusehen und nicht als ‚den Borderliner‘, ‚die Depressive‘ oder ‚den Psychotiker‘. Die Diagnose ist ein Teil und gehört momentan auch zu der Person, aber die Person ist nicht die Diagnose. Gerade weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Menschen sich irgendwann so sehr selbst mit ihrer Diagnose identifizieren, dass sie mache sogar damit vorstellen wollen wir dies  durchbrechen. 

Wir gehen dabei nach der Verstehenden Psychologie vor, in der auch pathologische Verhaltensmuster als einen zielgerichteten Sinn innehabend verstanden werden. Aber die ursprünglich gute und sinnvolle Reaktion hat sich verselbständigt, passt nicht mehr zu aktueller Situation, ist keineswegs verhältnismäßig oder hat sonstige ungesunde und belastende Formen angenommen. Auch wenn dies die Grundhaltung ist, die auch vermittelt werden soll, ist der „kranke“ Anteil der Teilnehmer nicht im Fokus. Vielmehr zeigen wir auf, dass es auch in jedem „nicht kranken“ Bereich dysfunktionale und verbesserungswürdige Haltungen und Verhaltensmuster gibt. Diese anzugehen und dort Erleichterungen zu spüren, gibt Stärke und Elan und hat nach systemischer Denkweise hoffentlich auch Auswirkungen auf die Bearbeitung der pathologischen psychischen Probleme. Die an anderer Stelle bearbeitet werden.

Was kann Resilienztraining?

Wenn unsere Teilnehmer:innen durch unser Training und den Austausch mehr Leichtigkeit im Leben entwickeln konnten ist für sie viel gewonnen. Oft hilft ihnen schon  zu erkennen, dass sie Einfluss darauf haben, was krisenhafte Situationen mit ihnen machen. Im Idealfall sind sie im Anschluss in der Lage, eine belastende Situation gar nicht mehr zu Krise werden zulassen, sondern proaktiv, offensiv und fruchtbringend damit umzugehen. Dann muss vieles gar nicht mehr in den „Einflussbereich“ der pathologischen Bereiche gelangen. Dann muss es die Depression nicht weiter anfeuern oder es steigert den ohnehin grenzwertig hohen Anspannungslevel gar nicht mehr in dem bedrohlichen Maße. Dann ist es eine Schanze im Sinne einer Festung die die angeschlagene Psyche schützt.

Manchmal bieten wir auch einen Gegenpol, gerade in dem wir eben weg vom Pathologischen schauen und die anderen Bereiche in denen gewisse Dysfunktionen bestehen betrachten, die wir aber bewusst nicht als pathologisch, sondern als menschlich ansehen. Dadurch verlieren viele Alltagsprobleme und belastende Situationen ihre Schwere. Wer erkennt, dass es manchmal, nicht weil man krank ist hakt, sondern weil man menschelt, macht einen großen inneren Schritt zur Gesundung. Die Krankheit ist da und muss angegangen werden, aber deswegen ist man kein Alien und ringt trotzdem noch mit den normalen Tücken des Lebens – wie alle anderen auch.

In einer Gruppe wie der SeelenSchanze können wir alle unsere typischen Psychofallen erkennen lernen. Wenn wir es in der Folge schaffen von diesen abzulassen, können weiteren Verletzungen oder schwächenden Konstellationen vorgebeugt werden. Allein schon das Bewusstwerden dessen was in solchen Situationen gerade mit in uns wieder geschieht, ist unheimlich entlastend. Das steigert Handlungssicherheit und vermindert das übliche Gefühl des Ausgeliefertseins. Und wer erkennt oder gelernt hat in einem Bereich gute Selbstkompetenzen zu haben, an denen die meisten Mitmenschen noch knabbern, kann sich selber wieder in einem guten Licht sehen und eben nicht mehr nur als ‚krank‘.

Wer so den Alltag besser meistert, hat auch mehr Kapazität sich in die Gesundung und Therapie zu investieren, da er nicht ständig gegen die Pfeil und Bogen des wütenden Geschicks kämpfen muss.

Dieser Ansatz liegt natürlich auch der Weiterbildung zugrunde, in dem diese Haltung vermitteln werden soll. 

 

Wozu taugt ein Resilenztraining nicht?

So unterstützt ein solches Training die Gesundung. Es unterstützt begleitend die Psychotherapie, ja liefert dieser unter Umständen sogar Themen. Immer wieder kommen wir in den Sitzungen an Grenzen des Resilienztrainings. Wenn wir merken, dass die üblichen Coaching-Methoden ins Leere laufen, weil es tiefsitzende Blockaden oder auch Muster gibt, dann sind wir oft am pathologischen Teil der Psyche angekommen. Dann verweisen wir mit dem Thema auf die Therapie und empfehlen und bitten es dort anzusprechen und zu bearbeiten.

Die SeelenSchanze kann nicht heilen! Weder das Setting noch die Methoden in der Form sind dafür geeignet. Manches bedarf intensiver Aufarbeitung und Behandlung. Ein Resilienztraining hilft andere Hemmnisse zu verringern. Und es kann eben durch seine umfassende Beschäftigung mit den Lebensthemen weitere Anregungen für die Therapie aufdecken, die dort aufgrund der Konzentrierung auf spezielle, bekannt mit der Diagnose zusammengesehene Themen, bisher vielleicht gar nicht zu Sprache kamen. Auch hier unterstützt die SeelenSchanze die Therapie ohne Ihre Arbeit zumachen.

Es geht in der SeelenSchanze, wie gesagt,  nicht um Heilung. Die Methoden eines Coachings sind für psychisch stabile Menschen. 
Bei den Teilnehmer:innen die aufgrund psychischer Diagnosen bei einem Träger angegliedert sind arbeiten an den psychisch stabilen Anteilen. Diese wollen wir stärken und ausbauen. Das wirkt sich natürlich auf die ganze Person aus, denn keines der Persönlichkeitsanteile ist wirklich unabhängig von den anderen.

Da wir uns in der SeelenSchanze nicht direkt mit den Krankheiten auseinander setzen, ist eine akute psychische Krise für uns ein Ausschlusskriterium der Teilnahme. Eine akute Krise nimmt die ganze Person gefangen. In der Krise hat man keinen Kopf für anderes – darum klappen dann so viele alltägliche Dinge nicht mehr. Die Krise würde das Thema der Teilnehmenden oder des Teilnehmers und auch auf alle anderen abfärben, weil es Stimmung und Inhalt der ganzen Gruppe wird. Das kann in Gesprächsgruppen schon auch seinen Platz haben, in der SeelenSchanze wäre es aber kontraproduktiv. Allein schon wegen der festen Themen-Agenda.

Resilienz ist keine Heilmethode.

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